Städtebauliche Situation

Luftbild

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Die Aufnahmen wurden aus dem Motorsegler vom Aero-Club Wolfsburg von Dieter-Ernst Leyer und Hans-Jürgen Schroeder am 26.09.2007 aufgenommen. Vielen Dank, dass wir sie veröffentlichen dürfen.  

Die Stephanus-Kirche steht weithin sichtbar auf einem kleinen Hügel mitten im städtischen Leben am Marktplatz westlich der Einkaufsbrücke und oberhalb der vielbefahrenden Hauptverkehrsstraße des Viertels. Wenn die Kirche, was die Dimensionen betrifft, auch nicht mit den Hochhäusern der Umgebung konkurrieren kann, so wirken doch der ungewöhnliche Turm und die weißglänzende Marmorfront des Kirchenschiffs aus der Fernsicht als städtebauliche Dominanten.
Zwei im rechten Winkel aufeinander zulaufende Einkaufsstraßen treffen sich auf dem kleinen quadratischen Marktplatz, dessen nördliche Raumkante die breite, fensterlose Eingangsfront der Kirche bildet. Diese ist mit strahlend weißem Carrara-Marmor verkleidet, einem von dem Nordländer Aalto sehr geschätzten und sogar in Finnland vielfach verwendeten Material. Kolonnadenartige Laubengänge vor den flachgedeckten Laden- und Wohngebäuden umgeben den Platz. Ein von dünnen Rundpfeilern gestütztes Kragdach ist auch der Kirche vorgeschaltet. So entsteht eine geradezu klassische urbane Raumbildung: ein städtischer Platz als allseits geschlossener Raum ohne Dach, mit einem Kirchenbau, der in die anderen Funktionen des alltäglichen Lebens straff eingebunden ist. Während die in gartenstädtischer Umgebung stehende Heilig-Geist-Kirche durch ihre ungewöhnliche Bauform Abstand zum Umfeld wahrt, sucht die Stephanus-Kirche engsten Anschluß an die Nachbarbebauung und erweist sich darin als sehr städtisch gedachte Architektur. Sie gehört daher zu den wenigen Bauten Aaltos, die eine klar hervorgehobene Hauptfassade haben. Deren Wirkung beruht auf der Konfrontation einer geschlossenen Baumasse mit der masselosen Skelettstruktur des Turmes.

Dieser besteht aus neun dünnen Betonmasten (ursprünglich hatte Aalto 12 vorgesehen) und ist eigentlich nur ein filigraner Glockenständer. Bis heute ist er unfertig und funktionslos; es fehlen nicht nur die Glocken, sondern auch die von Aalto vorgesehene halbtransparente Einschließung der Glockenstube mit vertikalen Holzlamellen.
Mutet die kurvenreiche Architektur der Heilig-Geist-Kirche mit ihren lebhaften Formen organisch und dynamisch an, so ist die Stephanus-Kirche ihrem Formcharakter nach scharfkantig und kristallin. Sie entspricht damit der Stiltendenz von Aaltos Spätwerk, dessen Architektursprache sich in mancher Hinsicht wieder dem Funktionalismus der 1930er Jahre zuwendet. Der geometrischen Verhärtung entspricht dabei eine gesteigerte Kühle der Materialwirkung, die hier auf weißem Marmor und weiß getünchtem Kalkstein beruht.
Von Nordwesten bieten die Kirche und das Gemeindezentrum mit Saal, Büros, Bücherei, Clubraum und Küche sowie Gruppenräumen, Sakristei und Taufkapelle im Untergeschoß allerdings ein sehr viel bewegteres und kleinteiligeres Bild. Hier sind die Baukörper asymmetrisch am Hang empor gestaffelt. Aus dem Arrangement ineinander geschobener und vielfach versetzter Kuben steigt das Kirchendach, den Anstiegs des Hangs aufnehmend, empor. Der Turm wirkt als Krönung der Baugruppe. Den reservierten und ruhigen Ausdruck, den die monumentale Marktfront dem Treiben im Einkaufszentrum entgegenstellt, habt Aalto mit der lebhaft und irregulär gestalteten Gartenseite des Gemeindezentrums auf.

(Text aus dem Kirchenführer "Heilig-Geist-Kirche und Stephanus-Kirche Wolfsburg" von Holger Brülls. Erhältlich im Gemeindebüro.)