Heilig-Geist- und Stephanus-Gemeinde, beide im Süden Wolfsburgs gelegen, haben eine gemeinsame Geschichte. Heilig-Geist ist die Muttergemeinde der Stephanusgemeinde. Bis 1964 gehörten die Stadtteile Detmerode und Rabenberg zu Heilig-Geist. Im Zuge der Fertigstellung des Neubaugebietes Detmerode ging die Stephanusgemeinde als nunmehr selbständige Gemeinde aus der Heilig-Geist-Gemeinde hervor.
1938 wurde die "Stadt des KdF-Wagens" (die erst seit 1945 den Namen Wolfsburg trägt) in verkehrsgünstiger Lage an Mittellandkanal und neuer Ost-West-Auto- und Eisenbahn gegründet. Im ersten Bebauungsplan von Albert Speer und Peter Koller, der nach 1945 auch als Kirchenbauer hervortrat, hatten die nationalsozialistischen Planer - im Unterschied etwa zur benachbarten Stadtneugründung Salzgitter - Bauplätze für Kirchen immerhin noch ausgewiesen. Gebaut wurde indes vor 1945 keine einzige. Im Zusammenhang mit dem Wachsen des Volkswagen-Werkes nach dem Krieg kam es in den Jahren der "Wirtschaftswunders" zu einem enormen Bevölkerungszuwachs. In kaum zwei Jahrzehnten entstanden 10 neue Kirchen in der Stadt. Heute gehören sie ebenso wie das gigantische Automobilwerk und die großen Kulturbauten zu den markanten Punkten des Stadtbildes.
Im Stadtgebiet gab es bis zum 31. Dezember 1960 nur eine große evangelische Gesamtgemeinde, die mehrere Kirchen unterhielt. Die von Gerhard Langmaack 1950-1952 im Stadtzentrum errichtete Christuskirche war der erste Kirchenneubau in Niedersachsen nach dem Krieg. 1954 erließ die Stadt eine Bebauungssatzung für das Wohngebiet Klieversberg Süd und Eichelkamp. Die ersten Wohnhäuser wurden 1957 fertig, um 1960 war der neue Stadtteil fast vollendet und bezogen. Jetzt fehlte nur noch ein kirchliches Zentrum. Mit dem 1. Januar 1961 war die evangelische Gesamtgemeinde Wolfsburg in sieben selbständige Kirchengemeinden aufgeteilt worden. Der Aufbau der neuen Kirchengemeinde Heilig-Geist lag in den Händen von Pastor Egon Meyer, der seit 1958 in Wolfsburg wirkte und den Bau des neuen Gemeindezentrum begleitete.
Die Gottesdienste der neuen Gemeinde fanden zunächst noch in der Christuskirche statt. Zu diesem Zweck stand zur sonntäglichen Gottesdienstzeit ein Zubringerbus bereit. Später konnte dann der Gottesdienst in einem Klassenraum der fertiggestellten Waldschule im Stadtteil Eichelkamp stattfinden. Zum Gemeindebezirk Heilig-Geist gehörten damals noch die Stadtteile Rabenberg und Detmerode. Zur Zeit des Kirchenneubaus zählte die Heilig-Geist-Gemeinde bei einer Gesamtbewohnerzahl im Stadtteil von 4000 rund 3000 Mitglieder, heute sind es 1400.
Die Verbindung zu dem weltberühmten Architekten ergab sich eher beiläufig. Die Idee zur Vergabe des Baus an Aalto und wichtige konzeptionelle Vorgaben zur Raumgestaltung kamen von Pastor Erich Bammel, dem Kirchenvorstandsvorsitzenden der Gesamtgemeinde. Er bezog sich mit wesentlichen Grundgedanken ausdrücklich auf Otto Bartning, den einflußreichsten Theoretiker des modernen evangelischen Kirchenbaus in der Jahrhundertmitte. Nachdem die Kirchengemeinden am 1. Januar 1961 selbständig geworden waren, ging die Verantwortung der Heilig-Geist-Gemeinde und damit für den Bau des Gemeindezentrums auf den Kirchenvorstand der Heilig-Geist-Gemeinde über.
Das Gemeindezentrum Heilig-Geist wurde gleichzeitig mit dem Kulturzentrum in der Stadtmitte gebaut, für das Aalto 1958 den Wettbewerb gewonnen hatte. Die Gemeinde erreichte so eine beachtliche Kostensenkung; außerdem kam ihm Aalto durch eine bescheidene Honorarforderung entgegen. Die Landeskirche hatte nämlich verfügt, daß die Auftragsvergabe an den Finnen nur unter der Voraussetzung geschehen dürfe, daß nicht höhere Kosten entstünden als durch die Beauftragung eines deutschen Architekten.
Aalto hatte eine Kirche mit 300 Sitzplätzen, 100 Zusatzplätzen und großer Chorempore einschließlich der zugehörigen Gemeindebauten zu planen. Den Auftrag dazu erteilte ihm die Gemeinde endgültig am 5. November 1958. Die Ausführungspläne lagen 1960 fertig vor, am 18. Juni 1961 fand der erste Spatenstich statt. Grundsteinlegung war am 12. August, das Richtfest folgte am 16. Oktober. Zum Osterfest 1962 war das Gemeindehaus fertig, im Gemeindesaal konnte ein erster Gottesdienst gefeiert werden. Die Bauleitung für die Heilig-Geist Kirche - später auch für die Stephanus-Kirche - lag in den Händen des Wolfsburger Architekten Dipl. Ing. Ernst Korritter. Nach knapp einjähriger Bauzeit fand die Weihe der Kirche am 6. Juni 1962 statt. Der ebenfalls von Aalto entworfene Kindergarten wurde ca. zwei Jahre später am 19. Oktober 1964 eröffnet. Nach fast vier Jahrzehnten, bereiten Aaltos bauten mancherlei Sanierungsprobleme. Eine aufwendige Instandsetzung des in Beton ausgeführten Kirchturms der Heilig-Geist-Kirche wurde unter sorgsamer Beachtung denkmalpflegerische Kriterien im Jahre 1999 unter Wahrung des vom Architekten angestrebten Erscheinungsbildes durchgeführt.
Wesentlich für das Gelingen beider Kirchenbauprojekte war die Schlüsselrolle der Bauherrschaft, die mit klaren konzeptionellen Vorstellungen und entschiedenem Qualitätsanspruch die Gunst des Augenblickes dazu nutze, einen der wichtigsten Architekten des Jahrhunderts für sich zu gewinnen. Schon während der Planung des Heilig-Geist-Gemeindezentrums war den Verantwortlichen der hannoverschen Landeskirche klar, daß hier - so die Einschätzung von Prof. Dr. Ernst Witt, des ehemaligen Leiters des kirchlichen Bauamtes - "ein klassisches Bauwerk der modernen Architektur" entstehen würde.
Als der Bau des Stadtteils Detmerode begann, ergab sich auch dort die Notwendigkeit, ein kirchliches Gemeindezentrum zu errichten. Als Muttergemeinde von Stephanus übertrug die Heilig-Geist-Gemeinde diese Planung ebenfalls an Alvar Aalto. Die 1964 gegründete Stephanusgemeinde nahm dann die Weiterführung des Projektes in eigene Hände. Aalto nutze diese Gelegenheit, sein klar konturiertes Idealbild von Kirche einmal mehr in Wolfsburg zu verwirklichen - und dabei doch vieles ganz anders zu machen.
(Text aus dem Kirchenführer "Heilig-Geist-Kirche und Stephanus-Kirche Wolfsburg" von Holger Brülls. Erhältlich im Gemeindebüro.)