Alvar Aalto (1898-1976) war, als er in Wolfsburg tätig wurde, neben Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe eine weltweit anerkannte und maßstabsetzende Symbolfigur der Internationalen Moderne. Im Unterschied zu diesen Architekten spielte jedoch der Kirchenbau im Schaffen des Finnen von Anfang an eine wichtige Rolle. Sein Werkverzeichnis notiert insgesamt 37 sakrale Bauprojekte, darunter 22 Kirchen, vier Entwürfe für Friedhofsanlagen und -kapellen, sogar eine Moschee. Hinzu kamen Restaurierungs- und Ausstattungsprojekte für historische Kirchen, Entwürfe für Pfarrhäuser und Grabmale. Sieben Kirchen - sechs für protestantische Gemeinden und ein katholisches Gotteshaus - kamen zur Ausführung, davon vier Bauten in Finnland, einer in Italien und zwei in Deutschland. Der erste ausgeführte Kirchenbau in Muurame (1926-1929) zeigt Aalto noch als historisch gestaltenden Neoklassizisten mit starker Leidenschaft für Italien. Seine Wettbewerbsbeiträge aus dem Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg lassen jedoch erkennen, wie entschieden er sich beim Entwurf von Kirchen dem antihistorischen Architekturvokabular des Funktionalismus zuwandte. Dieser Stilwechsel war wie bei vielen Architekten jener Jahre weniger Entwicklung als Entscheidung gewesen. Mit der Kirche "Zu den drei Kreuzen" in Vuoksenniska bei Imatra (1956-58) in Südostfinnland fand Aalto erstmals als Kirchenarchitekt internationale Beachtung. Kurz darauf entstanden die Kirchen im mittelfinnischen Seinäjoki (1958-60) und in Wolfsburg (Heilig-Geist 1959-62, Stephanus 1965-68), schließlich die Pfarrkirche Santa Maria Assunta in Riola bei Bologna (Projekt 1966-68, vollendet 1978) und die Kreuzkirche im südfinnischen Lahti (Projekt 1970, vollendet 1979), die beide erst nach Aaltos Tod fertiggestellt werden konnten.
Die Kirche in Vuoksenniska und die Wolfsburger Heilig-Geist-Kirche sind in ihrer Formgebung nach die spektakulärsten Sakralbauten Aaltos. Die Heilig-Geist Kirche, die der Wolfsburger Fotograf Heinrich Heidersberger gleich nach ihrer Fertigstellung in meisterhaften Aufnahmen mit einem Zug ins Grandiose ablichtete, ist ohne Zweifel eine der besten Arbeiten Aaltos überhaupt. Beide Kirchen lassen erkennen, daß Aalto als Architekt kein Zweckdenker war, sondern frei gestaltender Künstler, der bekanntlich auch ein beachtliches skulpturales und malerisches Werk hinterlassen hat, das in vielfältig Weise mit seinem Bauschaffen verschränkt ist. Die weniger extravagante und strengere Architektur der Stephanus-Kirche hat ebenfalls Qualität, die Aaltos einzigartigen Rang als Schöpfer moderner Sakralarchitektur mit bis heute aktueller Botschaft bezeugen.
(Text aus dem Kirchenführer "Heilig-Geist-Kirche und Stephanus-Kirche Wolfsburg" von Holger Brülls. Erhältlich im Gemeindebüro.)