Da wohnt ein Sehnen

Da wohnt ein Sehnen                 

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, ...

So beginnt ein Lied, das ich schon vor diesen Corona-Zeiten sehr mochte.

Von Sehnsucht ist im Alltag sonst selten die Rede.

Warum?

Vielleicht, weil es schwerfällt zuzugeben, dass etwas fehlt im Leben, schmerzlich fehlt. Und dass diese Lücke durch nichts geschlossen werden kann.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, ...

Viele Menschen sehnen sich in diesen Tagen.

Sehnen sich nach Normalität, danach, wieder planen zu können. Sehnen sich aber besonders nach Nähe und Begegnung mit denen, die uns am nächsten sind ... und jetzt doch so fern.

Ich sehne mich danach, meine alte Mutter wieder besuchen und in den Arm nehmen zu können.

Deshalb freue ich mich, dass ich sie Ende dieser Woche wieder besuchen kann. Sie lebt seit einem dreiviertel Jahr in einem Pflegeheim. Dort fühlt sie sich wohl, und wir Kinder wissen sie gut aufgehoben. Telefonieren ist möglich, doch zunehmend schwieriger.

Zuletzt konnte ich meine Mutter Anfang März besuchen.

Jetzt endlich werden wir uns wieder sehen – auf Abstand, unter Aufsicht. Keine Umarmung, nicht einmal ein Handschlag. Kein Spaziergang, kein gemeinsames Essen oder Trinken. Aber wir können uns sehen, miteinander sprechen. Diese Sehnsucht wird also gestillt für mich. Darauf freue ich mich.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, ... so beginnt das Lied.

Und mündet immer wieder ein in die Bitte: „Sei da, sei uns nahe, Gott.“

Ja, ich fühle Gottes Nähe stärker in diesen Zeiten. Vor ihm kann ich meine Sehnsucht aussprechen, ohne mich zu schämen; ohne das Gefühl zu haben, ich sei irgendwie alleine dafür verantwortlich, dass mein Leben nicht erfüllt und vollkommen ist.

Ich weiß: Ich bin nicht alleine mit meiner Sehnsucht. Anderen geht es auch so. Und das ist vielen jetzt bewusster als sonst.

Wonach sehnen Sie sich?

Charlotte Kalthoff, Pn, 30.4.2020